Deutsche Geschichte
8. Kapitel Verhinderte Ausreise

Der Zug bestand aus etwa 10-12 Gueterwagen und hielt an. Paul sah ein paar Zivilisten und ein paar russische Soldaten in den offenen Loren und als sich der Zug langsam wieder in Bewegung setzte, schwang er sich auf einen leeren Waggon und uebergab sein Schicksal der Eisenbahn, denn er hatte keine Idee wie es nun weitergehen wuerde. Es war einer jener Momente im Leben wo man sich einfach den Umstaenden anvertraut. . . .

Dann ging es zum ersten Verhoer und da wurde Paul schlagartig klar, wie hier der Hase lief. Er wurde von einem hoeheren Offizier der Roten Armee verhoert, der eine tadellos geschneiderte Uniform trug und erklassige Reitstiefel anhatte. Er war seiner Meinung nach mindestens im Range eines Hauptmanns oder Majors und hatte ausgezeichnete Manieren. Als Dolmetscherin war eine sehr gut aussehende Krankenschwester zugegen, die fliessend deutsch sprach. Hatte sein Gehirn in Hinblick auf dieses Niveau bereits auf hoechste Alarmstufe geschaltet, wurde der anfaenglicher Verdacht sofort bestaetigt, als ihm der Offizier eine echte Papyrossi aus einem silbernen Zigarettenetui anbot und ihm sogar Feuer gab. Er hatte es hier mit einem geschulten Intelligenz-oder Abwehroffizier zu tun. Er bat Paul, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, und setzte sich dann auf seinen Schreibtisch, sass also wesentlich hoeher als Paul. Ein alter, aber oft erfolgreicher psychologischer Trick, um jemand einzuschuechtern.

Nach ein paar Zuegen an seiner Zigarette eroeffnete er die "Unterhaltung" mit dem Satz: "Wir wissen jetzt wo du herkommst Paul." Er pausierte drohend und wartete anscheinend auf eine Reaktion, die nicht kam. Paul war zwar gespannt wie ein Regenschirm, aber vollkommen nonchalant, da er ja bereits bei seiner Verhaftung ausgesagt hatte, wo er herkam. Nachdem was dann folgte, verschlug es ihm jedoch im ersten Augenblick den Atem. "Paul," sagte der elegante Offizier, "du bist ein englischer Agent, der mit dem Fallschirm abgesprungen ist, um mit der litauischen Untergrundbewegung Verbindung aufzunehmen."

Nach blitzschneller Erfassung dieser unwahrscheinlich laecherlichen Beschuldigung haette Paul beinahe laut losgelacht, aber er hatte genug ueber russische Schauprozesse gelesen, um diesen unglaublichen Unsinn nicht als Witz aufzufassen. Er setzte also eine Miene voelligen Unglaubens auf, schaltete aber sofort auf sarkastischen Gegenangriff um, was typisch fuer Pauls Charakter war.

Paul erwiederte, dass ihm diese Beschuldigung ein voelliges Raetsel sei, weil er nicht begreifen koenne, warum die mit Russland verbuendeten Englaender ueberhaupt in Russland spionieren wollten. Paul merkte sofort, dass diese Antwort, von einem 21 jaehrigen Obergefreiten der Luftwaffe kommend, den Offizier doch einigermassen ueberraschte. . . .

NKVD Kommissar Krapnikov

. . . Paul wurde zu einem Schreibtisch gefuehrt, hinter dem ein fetter Kommissartyp im Majorsrang sass. Er sah juedisch aus, und Paul dachte sich, na das kann ja heiter werden. Der Kommissar sprach ein sehr gutes Deutsch, was Pauls Verdacht nur noch verstaerkte. Da sich die Russen nie vorstellten oder Namensschilder auf ihren Schreibtischen hatten, gab er ihm den Fantasienamen Kommissar Krapnikov. Nach der ueblichen Personalienaufnahme, feuerte er gleich die erste Frage ab, deren Formulierung Paul ueberraschte, weil sie unsinnig war.

Die Frage war: Welcher Partei haben sie angehoert? Paul dachte, hat es sich noch nicht bis nach Wilna herumgesprochen, dass es genau wie in der USSR nur eine Partei in Deutschland gab? Er sagte aber ganz einfach, dass er diese Frage nicht verstehe. Der Kommissar fuhr ihn an, waren sie in der Nazipartei oder nicht? Paul erwiderte, dass er kein Mitglied der Nazipartei war. Er wollte wissen warum nicht. Paul erklaerte ihm, dass Soldaten nicht der Partei beitreten konnten, waerend sie aktiv dienten. Das ueberraschte ihn, d.h. er wusste das nicht. Paul fuegte dann erlaeuternd hinzu, dass die Partei ihn hoechst wahrscheinlich auch nicht aufgenommen haette, falls er einen Aufnahmeantrag gestellt haette. Er wollte wissen wieso nicht. Paul erwiderte, dass er juedische Verwandte habe. . . .

Return to the home page